Wer sich die Mühe macht, genau hinzusehen, dem bietet die Lobau eine Überfülle an zu entdeckenden Naturwundern:
Dominique Zimmermann, Kuratorin für Insekten am Naturhistorischen Museum Wien, hat das im Februar 2026 erschienene Buch „50 Wiener Insekten – ein Querschnitt durch die Vielfalt der Stadt“ verfasst: “Ein inspirierendes Buch für alle, die mit offenen Augen durch Wien spazieren – oder die Stadt einmal mit den Augen ihrer kleinsten Bewohner sehen möchten.”
„Viele der Arten“, so schreibt sie uns, „können auch oder vor allem im Nationalpark Lobau beobachtet werden. Dabei hat jede Art ihre eigene Geschichte, ihre Eigenheiten, ihr artspezifisches Verhalten.“
Zehn dieser wundersamen Tiere hat der Naturliebhaber und akribische Fotograf Gerhard Neuhold in der Oberen Lobau fotografieren können. Dominique Zimmermann hat sie charakterisiert:
Ölkäfer gehören zu den „Frühaufstehern“ unter den Insekten und sind bei gutem Wetter schon im März zu beobachten. Die Weibchen werden aufgrund des dicken Hinterleibs auch Maiwurm genannt. Bis zu viertausend Eier befinden sich darin. Doch wozu benötigen sie so viele Eier? Das liegt an den Larven: Die so genannten Triangulinen klettern auf Blüten und können sich nur weiterentwickeln, wenn sie von einer bodennistenden Wildbiene mitgenommen werden.
Nur etwa ein Prozent der im Spätsommer geschlüpften Hornissenköniginnen schaffen es, ein Nest zu gründen und dieses bis zur Produktion der nächsten Generation von Geschlechtstieren zu erhalten. Im Frühjahr, ab April, erwachen sie aus der Winterruhe und beginnen mit der Arbeit. Doch nicht alle sind so fleißig – einige lassen sich Zeit, fressen sich in Ruhe Energie an und versuchen ein paar Wochen später ein junges Nest einer anderen Königin zu übernehmen.
Sandlaufkäfer sind lieber zu Fuß unterwegs als in der Luft. Das Laufen beherrschen sie jedoch in Perfektion: Ein Sandlaufkäfer schafft in einer Sekunde das bis zu 120fache seiner Körperlänge.
Damit gehört er zu den schnellsten Insekten an Land. Er läuft so schnell, dass er beim Laufen immer wieder kurz stehen bleiben muss, um sich zu orientieren.
Wer kennt ihn nicht, den Gesang der Grillenmännchen im Frühsommer. Das Geräusch wird dabei auf eine ähnliche Weise erzeugt wie der Klang, wenn man mit dem Finger über einen Kamm fährt.
Eine vier Millimeter lange Schrillleiste mit etwa 140 Zähnchen an der Innenseite eines Vorderflügels gleitet über eine glatte Schrillkante an der Außenseite des anderen Flügels. Obwohl beide Flügel gleich gebaut sind, „geigen“ die meisten Männchen mit der rechten Schrillleiste über die linke Kante.
Goldwespen bestechen durch ihre bunten, metallisch glänzenden Farben. Im Unterschied zu den meisten anderen Wespen handelt es sich bei der schillernden Färbung der Goldwespen um sogenannte Interferenzfarben:
Licht wird an mikroskopisch dünnen Schichten des Außenskeletts gebrochen und reflektiert – ein Effekt wie man ihn bei Seifenblasen beobachten kann oder bei einem Ölfilm auf einer Wasseroberfläche.
Die auffällige und in meinen Augen wunderschöne Färbung des Sechsfleck-Widderchens ist eine Warnung und vor allem an Vögel gerichtet.
Denn das Sechsfleck-Widderchen ist hochgiftig und zudem ausgesprochen ungenießbar. Die roten Punkte sind dazu da, sich bei potenziellen, gefiederten Fressfeinde im Gedächtnis einzuprägen: Schnabel weg, nie wieder kosten!
Sie ist womöglich die charismatischste Jägerin unter den einheimischen Insekten. Bekannt ist sie für ihren Kannibalismus: Es kommt regelmäßig vor, dass Männchen im Zuge ihres Annäherungsversuchs, der Kopula oder im Anschluss daran, gefressen werden. Eine Studie zeigte, dass insbesondere schlecht genährte Weibchen ihre knappen Energiereserven in die Produktion starker Lockstoffe investieren – eine Beute in der gleichen Größenordnung wie ein Männchen wäre für sie ansonsten nur schwer zu erjagen. Durch diese Mahlzeit gewinnen sie genug Energie, um die Eier reifen zu lassen.
Ameisenjungfern erinnern ein wenig an Libellen, unterscheiden sich jedoch auf den ersten Blick durch die markanten Fühler und den flatterhaften Flug.
Ihr Larvenstadium verbringen sie im Boden als sogenannte Ameisenlöwen. Bei etlichen Arten bilden die “Ameisenlöwen” im Sand Trichter, an deren Grund sie mit gespreizten Saugzangen, darauf warten, dass eine Beute unversehens hinabgleitet.
Schlupfwespen wirken als natürliche Gegenspieler von vielen anderen Insektenarten.
Sie legen ein Ei auf oder in eine Larve – bei der Holzwespen-Schlupfwespe ist es jene der Holzwespe – und entwickeln sich in ihr – was zwangsläufig zu deren Tod führt. Das klingt grausam, ist jedoch ökologisch äußerst wichtig, denn auf diese Weise regulieren Schlupfwespen andere Insektenpopulationen.
Der Moderkäfer gehört zu den Kurzflügelkäfern. Die meisten sind ausgezeichnete Flieger – ihre Hinterflügel haben sie unter den verkürzten Deckflügeln zusammengefaltet. Das machen sie mit einer komplexen, asymmetrischen Falttechnik, die, soweit bisher bekannt, im Insektenreich einzigartig ist. Sie wird erforscht, um bessere Lösungen für selbstentfaltende Strukturen in der Raumfahrttechnik zu finden.
50 Wiener Insekten
Ein Querschnitt durch die Insektenvielfalt der Stadt
von Dominique Zimmermann, illustriert von Silvia Ungersböck
192 Seiten
EAN: 9783991660354
Falter Verlag https://www.falterverlag.at/buecher/9783991660354











